Air2030 – Erneuerung der Schweizer Luftverteidigung

Projektstand  17.06.2019

Bereits ist das Jahr 2019 zur Hälfte vergangen. Im zurzeit grössten Beschaffungsprogramm für unsere Armee, Air2030, hat sich zwischenzeitlich einiges getan.

(Zeitplan Projekt Air2030 – zur Zeit läuft die Evaluation der Kandidaten für das BODLUV-System grosse Reichweite und das neue Kampfflugzeug)

Offerten für neues Luftraumüberwachungssystem eingetroffen

Die drei angefragten Kandidaten haben am 11. Februar 2019 ihre Offerten für ein neues Luftraumüberwachungssystem an armasuisse übergeben. Mit der Übergabe der Offerten startet die Auswertungsphase. Das bestehende Luftlageverarbeitungs- und Führungssystem Ralus/Lunas soll ersetzt werden. Aus diesem Grund haben Spezialisten der armasuisse und der Luftwaffe im Verlauf der letzten sechs Monate in Dübendorf drei Ersatzsysteme aus drei verschiedenen Ländern erprobt. Die drei Anbieter haben nun ihre Offerten an armasuisse übergeben. Bei den Anbietern handelt es sich um: Thales (Frankreich), Saab (Schweden) und Raytheon (USA). Mit der Unterbreitung dieser Offerten startet die Auswertungsphase, in der armasuisse die Angebote auswertet, einen Evaluationsbericht erarbeitet und anschliessend der Programmführung von Air2030 eine Empfehlung zur Systemwahl unterbreitet. Zum Programm Air2030 zählen nicht nur die Projekte neues Kampfflugzeug und bodengestütztes Luftverteidigungssystem grösserer Reichweite. Es beinhaltet auch die Projekte C2Air und Radar. Diese beiden Projekte betreffen den schrittweisen Ersatz, beziehungsweise die Modernisierung der erwähnten Komponenten von Florako [1].

VBS beauftragt Claude Nicollier

Bundesrätin Viola Amherd hat Ende Februar Claude Nicollier beauftragt, eine Zweitmeinung zum Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft» von Mai 2017 abzugeben. Der Waadtländer Astrophysiker und ehemalige Milizmilitärpilot (bis 2004) soll der Chefin VBS bis Ende April eine unabhängige externe Analyse zur Beschaffung der notwendigen Mittel für den Schutz der Bevölkerung vor Gefahren aus der Luft vorlegen. Der 1944 in Vevey geborene Claude Nicollier war nach dem Studium der Physik in Lausanne und der Astrophysik in Genf als Astrophysiker tätig. Er liess sich zudem zum Militär-, Linien- und Testpiloten ausbilden. Von 1966 bis 2004 leistete er in der Schweizer Luftwaffe auf den Flugzeugtypen Venom, Hawker Hunter und F-5E Tiger Dienst. 1978 wurde er für die erste Astronautengruppe der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) ausgewählt. Im Rahmen eines Abkommens zwischen ESA und NASA erhielt er am Johnson Space Center der NASA in Houston eine umfassende Ausbildung auf der amerikanischen Raumfähre «Space Shuttle». Nach mehreren Jahren in Houston, in denen er nebst seiner Ausbildung verschiedenste Aufgaben übernahm, nahm er zwischen 1992 und 1999 an vier Weltraummissionen teil, wobei er insgesamt mehr als 1000 Stunden im Orbit verbrachte [2].

Termine zu Flug- und Bodenerprobungen NKF-Kandidaten in Payerne

Die Flug- und Bodenerprobungen mit den fünf Kampfflugzeug-Kandidaten finden von April bis Juni in Payerne statt [3]. Die Flugzeuge werden auf dem Militärflugplatz in alphabetischer Reihenfolge auf ihre Fähigkeiten hin überprüft. Vorgängig haben die Anbieter die Möglichkeit, sich mit einem weiteren Flug mit den spezifischen Verfahren im schweizerischen Luftraum vertraut zu machen. Ein Flug findet in der Nacht statt. Erprobt werden die Kandidaten in alphabetischer Reihenfolge nach dem Namen der Hersteller:

  • Airbus, DEU, Eurofighter: 01.04. – 12.04.2019
  • Boeing, USA, F/A-18 Super Hornet: 22.04. – 03.05.2019
  • Dassault, FRA, Rafale: 13.05. – 24.05.2019
  • Lockheed Martin, USA, F-35A: 03.06. – 14.06.2019
  • Saab, SWE, Gripen E: 17.06. – 28.06.2019

Offerten für System zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite von zwei Kandidaten eingetroffen

Zwei der drei angefragten Kandidaten (Patriot von Raytheon, USA; SAMP/T von Eurosam, Frankreich) haben am 22. März 2019 ihre Offerten für ein System zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite (BODLUV) an armasuisse übergeben. Mit der Übergabe der Offerten startet die Phase der Analyse und Erprobung. Basierend auf den vom VBS am 23. März 2018 veröffentlichten Anforderungen, haben zwei der drei Kandidaten am 22. März 2019 ihre Offerten für ein System zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite an armasuisse übergeben. Offeriert wurden folgende Abwehrsysteme: Patriot der Firma Raytheon (USA) und SAMP/T des Konsortiums Eurosam (Frankreich).

(SAMP/T-Werfer mit ASTER-30 Boden-Luft-Lenkwaffen mit Feuerleitradar im Hintergrund)

(Lenkwaffenwerfer beim Abschuss einer Patriot Boden-Luft-Lenkwaffe)

Keine Offerte wurde von Israel für das System «David’s Sling» eingereicht. Somit ist Israel nicht mehr Teil des Auswahlverfahrens. Wie bei der Beschaffung von neuen Kampfflugzeugen, startet auch bei BODLUV mit der Unterbreitung dieser ersten Offerte die Phase der Analyse und Erprobung. Spezialisten des VBS werten nun die Antworten auf den Fragenkatalog aus, den die Kandidaten in ihrer Offerte ausfüllen mussten. Verschiedene Teams des VBS beurteilen von Mai bis Juli 2019 die Wirksamkeit des Systems, die Instandhaltung und die Ausbildung. Von Mitte August bis Ende September 2019 werden die Sensoren der Luftverteidigungssysteme in der Schweiz erprobt, um die angegebene Leistungsfähigkeit des Radars punktuell durch Messungen am Boden und Zielflugdarstellungen zu überprüfen. Schiessversuche werden nicht durchgeführt. armasuisse wird, nach gegenwärtigem Zeitplan, im Winter 2019/2020 eine zweite Offertanfrage erstellen und den Kandidaten übergeben. Mit den Erkenntnissen aus der zweiten Offerte wird armasuisse die Kandidaten auf Basis der Fachberichte miteinander vergleichen und den Gesamtnutzen pro Kandidat ermitteln. Dann wird der Evaluationsbericht erarbeitet, in dem der jeweilige Gesamtnutzen den Beschaffungs- und Betriebskosten für 30 Jahre gegenübergestellt wird. Der Typenentscheid erfolgt durch den Bundesrat [4].

Zusatzberichte liegen vor

Bundesrätin Viola Amherd will sich zum Programm Air2030 für die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge und eines neuen Systems zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite ein umfassendes Bild verschaffen, bevor sie dem Bundesrat einen Vorschlag für das weitere Vorgehen unterbreitet. Dazu hat sie drei Zusatzberichte in Auftrag gegeben. Dabei handelt es sich um eine Zweitmeinung von Claude Nicollier zum Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft», eine Beurteilung der Kompensationsgeschäfte (Offsets) von Kurt Grüter, sowie eine Analyse der Bedrohungslage, die innerhalb des VBS erstellt wurde [4].

Viola Amherd hat die Berichte zur Kenntnis genommen. Sie wird die Ergebnisse in die weiteren Arbeiten im Programm Air2030 einbeziehen. Es ist vorgesehen, dass der Bundesrat noch vor dem Sommer darüber entscheidet, in welcher Form er die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge und eines neuen Systems zur bodengestützten Luftverteidigung dem Parlament vorschlägt. Auf der technischen Ebene läuft zurzeit die Flug- und Bodenerprobung der fünf Kandidaten für das neue Kampfflugzeug.

Der Bericht über die Bedrohungslage entstand unter Federführung von Pälvi Pulli, Chefin Sicherheitspolitik VBS. Er enthält eine aktuelle Einschätzung der Bedrohungslage und zieht den Vergleich mit Analysen der letzten Jahre, die als Grundlage für die bisherigen Entscheide zur Erneuerung der Mittel für den Schutz des Luftraumes gedient haben. Der Bericht kommt aufgrund der aktuellen Analyse zum Schluss, dass sich keine markanten Entwicklungen ergeben haben, die beim Bedarf an neuen Mitteln für den Schutz des Luftraumes wesentliche Änderungen nahelegen würden. Die Analyse bestätigt den Schluss, dass es auch künftig eine genügend grosse Anzahl Kampfflugzeuge und bodengestützte Mittel braucht, um den eigenen Luftraum wirksam schützen und verteidigen zu können.

Der externe Experte Kurt Grüter anerkennt in seinem Bericht die Bemühungen des Bundes, mehr Transparenz in die Offsetgeschäfte zu bringen. Weitere Verbesserungen müssten aber noch folgen. Ausserdem hält er fest, dass Offset gegen das Prinzip des freien Aussenhandels verstosse. Es solle deshalb ausschliesslich und gezielt für die Stärkung der Industriebasis eingesetzt werden, die für die Sicherheit und Verteidigung der Schweiz unerlässlich sei. Zudem sei lediglich das direkte Offset, sowie das auf die sicherheitsrelevante Technologie und Industriebasis ausgerichtete indirekte Offset, massgeblich.

Claude Nicollier hat, parallel zu seinem Lehrauftrag an der EPFL, seine unabhängige Stellungnahme zum Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft» erstellt. Er hält darin fest, dass die Qualität des Expertenberichts aussergewöhnlich hoch sei und der sachliche Inhalt von äusserst professioneller Arbeit zeuge. Er ist der Ansicht, dass damit die Erneuerung der Mittel für den Schutz des Luftraums auf soliden und kohärenten Grundlagen basierend eingeleitet werden könne, und dass der Inhalt des Berichts als Grundlage für sämtliche nachgelagerten Arbeiten im Zusammenhang mit dem Programm Air2030 anerkannt werden sollte. Zudem empfiehlt er, einen neuen Planungsbeschlussentwurf vorzuschlagen. Dieser Entwurf soll nur die Kampfflugzeuge beinhalten und festlegen, dass der Entscheid des Bundesrates über den Flugzeugtyp unter keinen Umständen getroffen werde, bevor die Ergebnisse eines möglichen fakultativen Referendums bekannt seien. Von den vier im Bericht vorgestellten Optionen, empfiehlt Claude Nicollier nachdrücklich Option 2 zu bevorzugen, nämlich den Ersatz der derzeitigen Kampfflugzeugflotte durch rund 40 moderne Kampfflugzeuge und die Erneuerung der Boden-Luft-Verteidigung.

Wie geht es nun weiter?

Gemäss Zeitplan läuft zurzeit die Erprobung der verschiedenen Kandidaten für die beiden Teilprojekte. In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird armasuisse eine zweite abschliessende und verbindliche Offerte von den Lieferanten einfordern. Diese wird, zusammen mit den Ergebnissen aus der Erprobung, ein Teil der Grundlage für den Typenentscheid sein.

Text: Beat Benz / Titelbild: Eurofighter der Royal Air Force bei der Erprobung in Payerne 

Quellen:

[1] VBS-Medienmitteilung vom 18.02.2019

[2] VBS-Medienmitteilung vom 25.02.2019

[3] VBS-Medienmitteilung vom 28.02.2019

2019-06-25T09:19:54+00:00