Iron Dome im Einsatz

– 15.09.2021 –

In den 1990er Jahren feuerten die im Libanon ansässigen Hisbollah-Milizen immer wieder Raketen auf nordisraelische Bevölkerungszentren ab und stellten damit eine Sicherheitsherausforderung für die israelischen Streitkräfte dar. Nach der Jahrtausendwende haben palästinensische militante Gruppen bis heute ebenfalls tausende Raketen und Mörsergranaten aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert.

Während des Zweiten Libanonkrieges 2006 landeten etwa 4‘000 von der Hisbollah abgefeuerte Raketen (die grosse Mehrheit davon waren Katjuscha-Raketen kurzer Reichweite) im Norden Israels, einschliesslich Haifa, der drittgrößten Stadt des Landes. Das Raketenfeuer tötete 44 israelische Zivilisten, etwa 250‘000 israelische Bürger mussten in andere Teile Israels evakuiert werden, während schätzungsweise 1 Million Israelis während des Konflikts kurzfristig einen Luftschutzbunker aufsuchen mussten.

Im Februar 2007 wählte Verteidigungsminister Amir Peretz «Iron Dome» des Herstellers Rafael als Israels Verteidigung gegen diese Bedrohung durch Kurzstreckenraketen aus. «Iron Dome» steht im Englischen für „eiserne Haube“. Es wurden über 200 Millionen US-Dollar in die Entwicklung – in enger Zusammenarbeit mit den israelischen Streitkräften – investiert. Die Vereinigten Staaten von Amerika unterstützten erheblich die Entwicklung von Iron Dome mit finanziellen Mitteln, sowie mit technischem Wissen. Bis heute wurden für die Weiterentwicklung und Herstellung weit über eine Milliarde US-Dollar investiert.

Bedrohungsspektrum

Die hauptsächliche Bedrohung geht von Artillerieraketen kurzer bis mittlere Reichweite aus. Diese Raketen sind rückstossgetriebene Geschosse, welche auf einer ballistischen Flugbahn in das anvisierte Zielgebiet fliegen und beim Einschlag eine Sprengladung auslösen.

Typische Rakete kurzer Reichweite

Es ist anzunehmen, dass in Zukunft auch improvisierte bewaffnete Kleindrohnen, oder gar militärische, taktische Kleindrohnen den Beschuss durch Raketen gegen Israel ergänzen werden. Ähnliches kann bereits im Konflikt zwischen den jemenitischen Huthi-Rebellen und der von Saudi-Arabien angeführten Koalition beobachtet werden.

Iron Dome wurde mit der klaren Anforderung entwickelt, dass es insbesondere die erwähnten Artillerieraketen abfangen und zerstören kann; dies auch im Falle eines massiven und andauernden Beschusses. Das System ist auch in der Lage, konventionelle Luftziele wie Drohnen auf kurze Distanz im unteren und mittleren Luftraum zu bekämpfen.

Beschreibung des Systems

Iron Dome besteht aus drei Hauptkomponenten:

  • dem Multifunktionsradar EL/M-2084 des Herstellers IAI Elta
  • dem Kommandoposten mit dem Einsatzführungssystem des Herstellers mPrest Systems
  • den Lenkwaffenwerfern mit den Boden-Luft-Lenkwaffen kurzer Reichweite des Typs Tamir des Herstellers Rafael

Normalerweise besteht eine Iron Dome-Feuereinheit aus einem Kommandoposten, einem Multifunktionsradar und drei bis vier Lenkwaffenwerfern, welche je mit 20 Lenkwaffen munitioniert sind.

Der Multifunktionsradar entdeckt, verfolgt und klassifiziert bedrohliche Ziele. Es liefert die notwendigen Zielinformationen für die Feuerleitung innerhalb des Einsatzführungssystems. Es können mehrere Ziele gleichzeitig erfasst, verfolgt und abgefangen werden, was eine wesentliche Fähigkeit bei massivem Beschuss durch Raketen darstellt. Zusätzlich zur Feuerleitung können die Zieldaten für die Ermittlung der Standorte des Abschusses und Einschlags der erfassten Raketen verwendet werden. Dies erlaubt zum einen eine Priorisierung der Zielbekämpfung und andererseits die Zielzuweisung für allfällige Gegenschläge aus der Luft, oder durch die Artillerie gegen die Abschussstandorte.

IAI ELTA EL/M-2084 Multifunktionsradar

Um die Reaktionszeit des Iron Domes gegen überraschend auftauchende Massenabschüsse durch Raketen aus dem Gazastreifen oder aus dem Südlibanon zu verkürzen, haben die israelischen Streitkräfte entlang den entsprechenden Grenzabschnitten kleine, unbemannte Radarstationen in regelmässigen Abständen aufgestellt, welche permanent den Luftraum in der potenziellen Bedrohungsachse überwachen. Diese stellen somit die Alarmierung der Bevölkerung und der stationierten Iron Dome Batterien sicher.

Das Einsatzführungssystem wählt die Reihenfolge der Zielbekämpfung gemäss einer Bedrohungsanalyse aus. Raketen, welche ausserhalb von Wohngebieten niedergehen, werden durch Iron Dome nicht bekämpft. Somit können die beschränkt vorhandenen Tamir-Lenkaffen gegen die wesentlichen und unmittelbar bedrohlichen Raketen eingesetzt werden.

Die Tamir-Lenkwaffen sind technisch so ausgelegt, dass sie innerhalb ihrer effektiven Wirkdistanz eine hohe Manövrierbarkeit haben und die anfliegenden Raketen aus allen Richtungen heraus erreichen und zerstören können. Die eigentliche Zerstörung erfolgt durch eine leichte Splittersprengladung, welche durch einen Abstandszünder ausgelöst wird.

Lenkwaffenwerfer mit 20 Rafael Tamir-Lenkwaffen

Erfolgreich im Einsatz

Die ersten Iron Dome-Batterien konnten 2011 in Dienst der israelischen Streitkräfte gestellt werden.

Nach Angaben der israelischen Luftwaffe hat Iron Dome während der Operation “Pillar of Defense” (14.–21. November 2012) 421 Ziele abgefangen. Am 17. November, nach dem Abfeuern zweier feindlicher Raketen während der Operation auf Tel Aviv, wurde eine Batterie in der Gegend um Tel Aviv eingesetzt. Innerhalb weniger Stunden wurde eine dritte Rakete durch Iron Dome abgefangen.

Das System wurde während der Operation “Protective Edge” eingesetzt, bei der wiederum Raketen abgefangen wurden, die von Gaza in Richtung des südlichen, zentralen und nördlichen Israels abgefeuert wurden. Bis August 2014 waren zehn Iron Dome-Batterien in ganz Israel im Einsatz. Während der 50 Tage des Konflikts wurden über 4‘500 Raketen und Mörser auf israelische Ziele abgefeuert. Die Iron Dome-Batterien fingen 735 Projektile ab, die als bedrohlich eingestuft wurden, und erreichten eine 90-prozentige Trefferwahrscheinlichkeit.

In den Jahren zwischen 2014 und heute wurden die Iron Dome-Batterien immer wieder mal aktiviert, um vereinzelten Beschuss durch Raketen abzuwehren.

Während der diesjährigen israelisch-palästinensischen Krise wurden vom 11. bis 21. Mai 2021 über 4‘300 Raketen von der Hamas aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. In den ersten 24 Stunden des Konflikts wurden 470 Raketen abgeschossen, eine viel höhere Rate als in früheren Konflikten. Von den Raketen waren 17% Langstreckenangriffe auf Tel Aviv, wiederum mehr als je zuvor. Etwa 680 der Raketen, die während der Feindseligkeiten abgefeuert wurden, schlugen fehl und stürzten auf Gebiete innerhalb des Gazastreifens. Das Iron Dome-System fing etwa 90 % der Raketen ab, die auf besiedelte Gebiete innerhalb Israels abzielten. Während der Operation bekämpfte Iron Dome ebenfalls erfolgreich eine mit Sprengstoff beladene Drohne.

Einschränkungen

Wie alle taktischen Waffensysteme hat auch Iron Dome einige Schwächen, die durch geeignete Massnahmen kompensiert werden müssen.

Ein Faktor ist die eingeschränkte Bekämpfungsrichtung von Iron Dome. Es kann nicht Bedrohungen aus allen Richtungen (360°) abwehren. Dies hat mit der besonderen Bedrohungslage in Israel zu tun. Die Bedrohung durch Raketen und Mörser kommt entweder aus dem Süden Libanons (Hisbollah), oder aus dem Gazastreifen (Hamas und andere palästinensische militante Gruppen). Somit sind die Bedrohungsachsen geografisch klar gegeben, und die Iron Dome Batterien können entsprechend ausgerichtet werden.

Ein anderer Aspekt ist die ungenügende Systemreaktionszeit gegen Bedrohungen kürzester Reichweite wie Mörsergranaten. Darum würde es aus taktischer Sicht Sinn machen, Iron Dome mit einem Kanonen-BODLUV-System oder mit einem Hochenergielaserwaffensystem zu kombinieren. Diese beiden Systeme bringen kurze Systemreaktionszeiten mit sich, um auch Mörsergranaten zu bekämpfen.

Es hat sich auch gezeigt, dass die Tamir-Lenkwaffen Schwierigkeiten haben, gehärtete Ziele wie Artillerieraketen oder Langstreckenraketen zu zerstören. Dies hat mit dem Wirkmechanismus des Sprengkopfes der Tamir-Lenkwaffe zu tun. Der Splittersprengkopf wirkt nach seiner Auslösung durch den Abstandszünder in alle Richtungen, und die daraus resultierenden kleinen Splitter haben zu wenig Leistung, um die genannten gehärteten Ziele zu durchdringen und den darin befindlichen Sprengstoff zur Explosion zu bringen.

Eine weitere Einschränkung von Iron Dome liegt im Einsatzführungssystem. Dieses verfügt nicht über die nötige Interoperabilität mit standardisierten übergeordneten Führungssystemen. Somit kann Iron Dome nicht ohne grössere Aufwendungen in bestehende standardisierte Führungssysteme integriert werden. Dies ist mit ein Grund, warum Iron Dome trotz seines beachtlichen Erfolgs im Einsatz kaum an andere Nationen verkauft werden konnte.

Wirkung von Iron Dome auf die israelische Bevölkerung

Dank Iron Dome konnten die Verluste in der Zivilbevölkerung Israels durch Raketenbeschuss deutlich reduziert werden. Ausserdem hat Iron Dome auch eine positive Wirkung auf die Psyche der israelischen Bevölkerung. Es vermittelt das Gefühl, dass man nicht mehr wehrlos dem Terror durch Raketenbeschuss ausgeliefert ist. Auf der anderen Seite führt der Einsatz von Iron Dome auch dazu, dass die israelische Gesellschaft eine unrealistische Erwartung hegt, dass jede militärische Bedrohung durch entsprechende Verteidigungsmassnahmen abgewendet werden könnte. Dies wiederum verringert die Bereitschaft, eine politische Lösung für einen nachhaltigen Frieden im Nahostkonflikt zu suchen.

Text: Beat Benz


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