– 17.03.2021 –

Im vergangenen Jahr tobte während des Sommers und Herbsts ein heftiger Krieg im Südkaukasus. Eshandelte sich dabei um eine weitere bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Kontrolle des Bergkarabach-Gebiets.

Völkerrechtlich gehört das Gebiet zu Aserbeidschan. Im Nachgang zur Auflösung der Sowjetunion zu Beginn der 1990er Jahreartete der Streit um Bergkarabach in einen regelrechten Krieg aus. Dabei gelang es Armenien, während des Kriegs von 1992 bis 1994 das Gebiet zu erobern. Seit dieser Zeit kam es immer wieder zu mehr oder weniger intensiven Scharmützeln zwischen den Kontrahenten. Es gelang den Aserbeidschanern nicht, wesentliche Gebiete des Bergkarabach zurückzuerobern und somit den Statusquo zu verändern.

(Lagekarte vor dem Konflikt 2020)

Letztes Jahr Ende September eskalierte der Konflikt und es kam zu grossangelegten Kampfhandlungen seitens Aserbeidschans. Die Aserbeidschaner wurden von ihrem Verbündeten – der Türkei – militärisch unterstützt. Die Armenier mussten sich allein gegen dieses Bündnis stellen, weil der traditionelle Verbündete Russland sich in diesem Konflikt neutral erklärte. Die Türken führten auch mit ihnen verbündete Milizen aus Nordsyrien ins Gefecht, um die Aserbeidschaner im Bodenkrieg zu unterstützen.

Im Vorfeld dieses Waffengangs hatten sich die Aserbaidschaner mit Hilfe der Türken einen ausgeklügelten Schlachtplan ausgedacht. Wohlwissend, dass die Armenier wie sie selbst keine namhafte Luftwaffe mitmodernen Kampfflugzeugen besassen, setzten die Aserbeidschaner auf den massiven Einsatz von militärischen Drohnen. Solche wurden von der Türkei und aus Israel beschafft. Diese militärischen Drohnen wurden sowohl für die Aufklärung des Gefechtsfeldes als auch für den Angriff gegen Bodenziele eingesetzt. Unterstützt wurde der Drohneneinsatz durch modernste türkische Systeme für die elektronische Kriegsführung (EKF). Auch die Armenier hatten bereits militärische Drohnen aus demselben Grund selbst entwickelt und von Russland beschafft. Es gelang ihnen jedoch nicht, diese Mittel mit einer neuen Doktrin erfolgreich im Gefecht einzusetzen. Ebenso besassen sie keine oder kaum geeignete EKF-Mittel in ihrem Arsenal. Schlussendlich führte der Einsatz modernster militärischer Drohnen in Kombination mit EKF, basierend auf den gemachten Erfahrungen der Türken im Syrischen und Lybischen Bürgerkrieg, zu einem siegreichen Ende des Konfliktes.

Als am 10. November 2020 der von Russland vermittelte Waffenstillstand in Kraft trat, waren die aserbeidschanischen Heeresspitzen bis auf wenige Kilometer an die Hauptstadt Bergkarabachs Stepanakert herangerückt. Die Waffenstillstandsvereinbarung sah beträchtliche Gebietsverluste Armeniens zu Gunsten Aserbaidschans vor.

(Karte der Lage am 9. November – Wikipedia)

Was für militärische Drohnen wurden von Seiten der Aserbaidschaner und Türken eingesetzt?

Zu Drohnen umgebauten Antonow An-2 Doppeldecker als Lockvögel/Köder und Waffenträger bestückt mit bis zu vier 250 kg Bomben.

(Antonow An-2)

Bayraktar TB2 und TAI Anka +A Drohnen für den Angriff gegen Bodenziele durch Abstands-Luft-Boden-Lenkwaffen.

(Bayraktar TB2)

(Anka +A)

TAI Anka I Drohnen für die elektronische Kriegsführung Nachrichtenbeschaffung (COMINT und ELINT).

(Anka I)

Aeronautics Defense Systems Orbiter Drohnen für die Aufklärung über dem Gefechtsfeld und für den Angriff gegen Bodenziele. In der Angriffsvariante wird die Orbiter Drohne mit einem Kriegskopf ausgerüstet. Die Drohne geht dabei verloren, sprich sie wird selbst zur Waffe.

(Orbiter)

Israeli Aerospace Industries Harop Drohnen für den Angriff auf wichtige Bodenziele wie gegnerische BODLUV-Systeme und Führungsinfrastrukturen.

(Harop)

Internationale Militärexperten sind sich einig, dass dieser Krieg erstmalig durch den Einsatz von militärischen Drohnen gewonnen wurde.

Warum ist dem so?

Zum einen gelang es den Aserbaidschanern und Türken die armenische BODLUV (ehemals Flab) auszuschalten. Sie wendeten die folgende Taktik an:

  1. Unbemannte aserbaidschanische An-2 Doppeldecker kreisen über dem Gebiet mit vermuteter armenischer BODLUV;
  2. Armenische BODLUV wird aktiv und beginnt die An-2 Doppeldecker zu verfolgen und schlussendlich zu bekämpfen. Türkische Anka-S-Drohne klärt dabei den Standort der armenischen Flab auf und meldet diese an die aserbaidschanische Einsatzzentrale am Boden
  3. Die Einsatzzentrale übermittelt den Standort der armenischen BODLUV an türkische Bayraktar TB2 Drohnen und ebenso an das Koral-EKF-System
  4. Das Koral-EKF-System täuscht die Radare der armenischen BODLUV. Anschliessend lösen die türkische Bayraktar TB2 Drohnen Luft-Boden-Lenkwaffen gegen die armenischen BODLUV aus. Die armenische BODLUV wird dadurch ausgeschaltet.

Zum anderen war das gefechtstechnische Verhalten der armenischen Truppen absolut ungenügend. So wurde das Tarnen und Täuschen vernachlässigt. Dadurch wurde dem Gegner die Aufklärung einfach gemacht.

Nach dem Waffenstillstand erklärten die Aserbaidschaner die Vernichtung von armenischer militärischer Ausrüstung im Wert von bis zu einer Milliarde US-Dollar. Darunter fallen über 80 Kampfpanzer, 27 Kampfschützenpanzer, 5 Luftüberwachungsradare, 25 Artilleriemehrfachraketenwerfer, 18 BODLUV-Systeme, 32 Artilleriegeschütze, 155 andere Fahrzeuge und 1 EKF-System. Wie bei jeder Erfolgsmeldung über vernichtete Ziele sind diese Angaben mit Vorsicht zu geniessen. Es ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Armenier durch die Luftkriegsführung des Gegners mittels militärischer Drohnen hohe Verluste an Menschen und Material erlitten.

Nach den ersten erfolgreichen Drohnenangriffen waren die armenischen Truppen meist so demoralisiert, dass sie Ihre Stellung bereits beim Hören einer anfliegenden Drohne fluchtartig verliessen. Dazu führte auch das nervenzerreisende schrille Geräusch der herabstürzenden Harop Drohnen, was wiederum mit der ähnlichen psychologischen Wirkung eines Junkers Ju 87 Sturzkampfbomber – Stuka – aus dem Zweiten Weltkrieg verglichen werden kann.

Die meisten armenischen BODLUV-Systeme stammten noch aus der Zeit der Sowjetunion und waren ursprünglich entwickelt worden, um Luftziele wie Kampfflugzeuge und Helikopter abzuschiessen. Nun trafen diese BODLUV-Systeme in diesem Krieg um Bergkarabach 2020 auf militärische Drohnen, welche wesentlich kleiner als Kampfflugzeuge und Helikopter waren. Das trifft auch auf die von den militärischen Drohnen abgefeuerten Luft-Boden-Lenkwaffen zu. Das führte schliesslichdazu, dass die armenische BODLUV auf einen Schlag veraltet war. Hierüber sind sich namhafte Militärexperten einig, dass dieser Umstand auch auf viele Nationen in Westeuropa zutrifft; darunter auch die Schweiz.

Es ist daher umso wichtiger, dass die Schweizer Armee aus diesem Konflikt lernt und die notwendigen Erkenntnisse sowie Konsequenzen ableitet. Diese Konsequenzen werden in zukünftige Beschaffungsvorhaben für die BODLUV wie auch für andere Waffengattungen Einzug finden.

Text: Beat Benz VFL

red.th

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