Neue Kolben für die Motoren der “Tante JU”

Die JU-Air hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2039 zu fliegen (100 Jahre Tante JU). Damit wäre die JU-52 der JU-AIR das erste Flugzeug, das nonstop 100 Jahre am Stück geflogen ist. Unsere BMW 132A Motoren werden wie die Zelle der JU-52 im 2019 80 Jahre alt. Um einen sicheren und zuverlässigen Flugbetrieb zu gewährleisten, muss die Technik weit voraus planen und neue Teile für die 9 Zylinder Sternmotoren herstellen.

Das Herz eines jeden Flugzeugs sind die Motoren. Unsere JU-52 fliegen mit BMW 132A Motoren mit Baujahr 1939. Je älter die Motoren sind, umso schwieriger ist es, Ersatzteile zu finden. Wir von der Technik sind stets bemüht, die höchsten Sicherheits- und Qualitätsstandards zu garantieren. Wie es bei Motoren üblich ist, gibt es auch an unseren Motoren Teile mit erhöhtem Verschleiss. Eine dieser Teile sind die Kolben. Der Kolben eines Ottomotor ist im Großen und Ganzen ein unkompliziertes Bauteil. Jedoch ist es in der Fliegerei nicht so, dass wir einfach Material zu einem Kolben zerspanen können.

Die Fliegerei ist eine der meist reglementierten Branche der Welt. Ist ein Motorenteil defekt, gilt es, erst einmal zu überlegen, was man überhaupt darf. Im Normalfall, steht hinter jedem Flugzeug ein Hersteller mit gültigem Typenzertifikat. Da unsere Flugzeuge nicht mehr gebaut werden und auch keinen aktuellen Halter mit Typenzertifikat vorweisen kann, müssen wir eng mit den Behörden zusammenarbeiten. Unsere JU-52 bewegen sich in der Kategorie historische Flugzeuge, behördlich auch Annex II Flugzeuge genannt.

Bei den Annex II Flugzeugen muss der Eigentümer oder in unserem Fall die Technikabteilung mit den Behörden Kontakt aufnehmen. Die Behörden (Bundesamt für Zivilluftfahrt) erwarten von der Technik ein erarbeitetes Service Bulletin für das Herstellen von neuen Bauteilen. Die Service Bulletins werden vom BAZL geprüft und bewilligt. In unserem Fall, mit den Kolben ist der Prozess vereinfacht, da schon in den 90er Jahren neue Kolben angefertigt wurden und wir das Service Bulletin revidieren konnten. Die Revision wurde vom BAZL geprüft und genehmigt. Unsere Kolben werden in Deutschland bei der Firma Wössner GmbH gefertigt. Die Firma Wössner stellt Kolben verschiedener Art her. Deren Kerngeschäft, ist der Autorennsport.

Erhalten wir die ersten 9 Kolben, werden diese in einen neu revidierten Motor eingebaut. Am Ende der Motorenrevision erfolgt der gesetzlich geforderte Prüflauf. Bei einem Prüflauf, werden alle erdenklichen Parameter geprüft. Auf Grund der neu gefertigten Kolben wird der Motor für längere Zeit unter Volllast getestet. Nach dem Prüflauf werden die Kolben noch einmal überprüft. Erst wenn alle Parameter innerhalb der Toleranz und die mechanischen Teile einwandfrei sind, wird der Motor für die Installation an unseren Flugzeugen zertifiziert und freigegeben.

Die Kolben werden während der Saison stichprobenweise in definierten Abständen ausgebaut und inspiziert. Eine solche Inspektion beinhaltet das Röntgen, eine Rissprüfung, das Wägen der Kolben und der physische Zustand.

Ein Motor mit neu fabrizierten Kolben wird aus Sicherheitsgründen in der Mittelposition montiert. Hat ein Motor eine definierte Laufzeit ohne Beanstandung der Kolben erreicht, können alle neu revidierten Motoren mit den neu hergestellten Kolben ausgerüstet werden.

In der nahen Zukunft werden wir auch die Produktion für neue Zylinder lancieren. Müssen wir neue Zylinder anfertigen, welche noch nie für diese Motoren gefertigt wurden, dann reicht ein so genanntes Service Bulletin nicht mehr aus. Wollen wir neue Zylinder herstellen, müssen wir eine Notice of Modification (auch NoM genannt) einreichen. Bewilligt das Luftamt eine NoM, erfolgen verschiedene Tests und Prüfläufe, welche auch von den Behörden begleitet und bewilligt werden. Sind alle diese Tests erfolgreich, können die Zylinder produziert werden. Die Bescheinigung neuer Bauteile erfolgt durch die Firma Naef Flugmotoren.

Die Produktion für Neuteile kann und darf nicht bei irgendeiner Firma erfolgen. Im Idealfall besitzt eine Herstellerfirma eine Luftfahrt-Zulassung. Ist das nicht der Fall, werden verschiedene Referenzen eingeholt, um sicherzustellen, dass die Firma in der Lage ist, Teile für Flugzeuge zu fertigen.

Text: Andreas Züblin, Chef Technik JU-AIR

2018-11-13T07:04:06+00:00