Die Arbalète fliegt von einem Museum ins andere

Unsere Museums-Fans können sich über einen attraktiven Neuzuwachs freuen. Das Verkehrshaus Luzern überlässt dem Flieger Flab Museum den berühmten “Arbalète”, der lange Zeit den “Flugzeug-Himmel” in Luzern zierte. Bei uns wird er in der Halle 2 über dem N-20 aufgehängt.

Mehr über dieses spezielle Flugzeug

Der Willen zur eigenen Flugzeugindustrie war in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg vorhanden. Positive Resultate blieben nicht aus. Ein Beispiel ist die Eigenkonstruktion „Arbalète“ des Eidgenössischen Flugzeugwerks Emmen. Das Vorprojekt zum Kampfflugzeug N-20 überzeugte durch gute Flugeigenschaften. Flugzeugbeschaffungen für die Schweizerische Luftwaffe waren seit 1914 immer eine langwierige und politisch komplizierte Angelegenheit. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war man sich in der Kommission für militärische Flugzeugbeschaffung (KMF) im Klaren, dass es sehr wichtig ist, eine eigene Flugzeugindustrie zu betreiben. Dazu boten sich das Eidgenössische Flugzeugwerk F+W in Emmen und die Dornier-Werke Altenrhein AG (1949 in Flug- und Fahrzeugwerke Altenrhein AG umbenannt) als potenzielle  Leistungsträger an.

Verschiedene Studien und Konzepte wurden in beiden Firmen ausgearbeitet. Die ganze Branche befand sich in einem gewaltigen Umbruch. Das Ende der „Propeller-Ära“ war gekommen, aber die Entwicklung von Düsentriebwerken befand sich erst in den Anfängen. Nach langem hin und her entschloss man sich dann in „Bern“, das Konzept des N-20 des F+W voranzutreiben, aber ein konkreter Auftrag liess vorläufig auf sich warten. Die Verantwortlichen im Flugzeugwerk Emmen entschlossen sich daher, mit der Konstruktion und dem Bau von zwei Versuchsflugzeugen stufenweise vorzugehen und dadurch (als Hintergedanke) die Fachleute bei der Stange zu halten.

Gleiter N-20.1

Die Konstruktion eines (antriebslosen) Gleiters war als ein Modell in der Grösse von drei Fünftel des N-20 konzipiert und wurde rasch vorangetrieben. Der Gleiter war eine Holzkonstruktion und mit stoffbespannten Steuerflächen versehen. Das einziehbare Fahrwerk stammte vom Messerschmidt Me-109 bzw. vom Vampire (Bugrad). Es wurden auch Versuche mit einem JATO–Startraketen–Booster gemacht. Im Normalfall wurde der Gleiter aber von einer C-36 auf die Ausgangshöhe geschleppt und dann für den Gleitflug ausgeklinkt.

Im Januar 1948 war das Versuchsflugzeug im Rohbau fertiggestellt und anschliessend im grossen Windkanal in Emmen überprüft. Am 17. April 1948 führte der Einflieger Walter Laederach (1908-1949) den erfolgreichen Erstflug im Schlepp einer C-3604 durch. Die darauffolgende Flug-Erprobung erfolgte in drei Etappen:

– allgemeine Beurteilung der Flugeigenschaften

– eigentliche Messflüge

– Hochgeschwindigkeitsversuche (bis 500 km/h)

Das wichtigste Ergebnis der Versuche war der praktische Nachweis von Flugfähigkeit und Steuerbarkeit im Hinblick auf den N-20.

Das Abkippverhalten im Langsamflug erwies sich als ungefährlich. Der Pilot wurde durch das „Buffeting“ des Flugzeugs gut vorgewarnt. Mit dieser Erkenntnis konnte beim geplanten N-20 auf Nasenklappen (leading edge flaps) verzichtet werden. Die Piloten mussten sich an die bei Flugzeugen mit Pfeilflügeln üblichen Schiebe-Rollmomente gewöhnen. Die Angewöhnung wurde noch erschwert durch eine gewisse Schwergängigkeit der Querruder, die über einfache Seilzüge bewegt wurden. Trotzdem wurde der Gleiter von den Piloten als sehr angenehm zu fliegen beurteilt. Anlässlich des 69. Fluges am 1. Juli 1949 wurde der Gleiter bei einem Landeunfall zerstört.

Jet-Gleiter N-20.2 „Arbalète“

Nach dem Unfall des N-20.1 stellte sich die Frage nach einem Neubau. Die KMF befürwortete weitere Flugerprobungen im Hinblick auf den N-20. Um aber den grössten Nachteil des Gleiters – den fehlenden Antrieb – zu beheben, schlug das F+W einen mit vier Kleintriebwerken ausgerüsteten Jet-Gleiter vor. Diesem (neuen) Flugzeug wurde der Namen „Arbalète“ (Armbrust) gegeben und es sollte folgende Zwecke erfüllen können:

– Erprobung der Flugeigenschaften, Steuerbarkeit und Wendigkeit bis 700 km/h

– Einführen der Piloten in Hinsicht auf die Erprobung des Prototyps N-20.10.

Der Aufbau der Arbalète entsprach in grossen Zügen dem des Gleiters, wobei einige wesentliche Nachteile des letzteren behoben wurden:

– Einbau von vier Triebwerken und einem entsprechenden Treibstofftank

– Ersetzen der Seilsteuerung durch eine Stangensteuerung

– Verzicht auf die Nasen- und Trimmklappen, da beim Deltaflügel nicht erforderlich

– Änderung der Cockpitform

Mit einem entsprechend abgeänderten Modell wurde im Windkanal der Einfluss der vier Triebwerkgondeln untersucht, doch konnten nur geringe Abweichungen gegenüber dem Gleiter festgestellt werden. Die Triebwerke waren an beiden Flügeln auf der Unter- und Oberseite angebaut. Ende Oktober 1950 konnte mit dem Bau der N-20.2 Arbalète begonnen werden. Der Einbau der Triebwerke bot keine besonderen Schwierigkeiten, auch war der Betrieb der vier Düsentriebwerke Turboméca „Piméné“ unerwartet einfach. Bodenversuche wurden bereits im Herbst 1951 durchgeführt, und anschliessend folgten zehn Starthüpfer auf der damals recht kurzen Piste von Emmen.

Kenngrösse Daten
Spannweite: 7,56 m
Länge: 7,53 m
Höhe: 2,3 m
Flügelfläche 19.44 m2
Rüstgewicht: 1.800 kg
Zuladung: 240 l Treibstoff
Flächenbelastung 92 kp/m2
Triebwerke: 4 × Turboméca Piméné zu je 100 kp Standschub
Startrollstrecke 800 m
Einsatzgeschwindigkeit: 570 km/h
maximale Horizontalgeschwindigkeit: 720 km/h
Abkippgeschwindigkeit 140 km/h
Dienstgipfelhöhe: 8’000 m/M
Reichweite: 250 km (40 min.)

Am 16. November 1951 startete die Arbalète mit dem Testpiloten Max Mathez (1917-1955) am Steuer zum 16 Minuten dauernden, erfolgreichen Erstflug. Bereits nach einer Gesamtflugzeit von zehn Flugstunden konnte die Abstimmung des Flugzeugs beendet werden, da von den Piloten keine Beanstandungen mehr erfolgt waren. Die Beurteilungen durch die Piloten waren durchwegs gut. Hervorgehoben wurde die grosse Wendigkeit, die rasche und genaue Wirksamkeit der Steuerung – auch bei kleinen Geschwindigkeiten – und die gut abgestimmten Steuerkräfte.

Die Arbalète wurde in den Flugeigenschaften als sehr ähnlich mit dem bekannten Akrobatikflugzeug Bücker Jungmeister beschrieben – bei allerdings weit besseren Flugleistungen. Schon nach kurzer Zeit konnten mühelos Kunstflug und engste Kurven im gesamten Geschwindigkeitsbereich sowie im Tiefflug durchgeführt werden. Bei der Landung wurde des Öfteren die Möglichkeit vorgeführt, das Flugzeug präzise und mit grossem Anstellwinkel rollen zu lassen, um es durch den aerodynamischen Widerstand weitgehend abzubremsen. Die erflogenen Leistungen waren durchwegs besser, als die aufgrund von Messungen im Windkanal im Voraus berechneten.

Die vollständige Erprobung der Arbalète konnte wegen Abbruchs des ganzen Projekts N-20 nicht mehr durchgeführt werden.

Text: Rudolf Wicki

2018-10-15T18:37:19+00:00